Glücksrevolution der Arbeitswelt

Die Menschen studieren das Glück schon seit Tausenden von Jahren, aber erst in jüngster Zeit wird das Studium des Glücks bei der Arbeit ernst genommen. Aktuelle HR-Trends, wie der Kampf um knappe Talente und erhöhter arbeitsbedingter Stress, haben Unternehmen dazu veranlasst, sorgfältiger über das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter nachzudenken. Für eine wirkliche Revolution des Glücks bei der Arbeit ist jedoch ein grundlegenderer Perspektivwechsel sowohl bei Führungskräften als auch bei Mitarbeitern erforderlich. Wir müssen zunächst als Gesellschaft akzeptieren, dass Glück und Arbeit sich nicht ausschließen, sondern zusammengebracht werden können und müssen.

Was ist Glück wirklich?

Ist Glück nicht subjektiv? Wie können Arbeitgeber Programme schaffen, die für alle funktionieren? Die Antwort ist, dass sie es nicht alleine schaffen. Glück ist ein komplexes, schwer messbares Konstrukt und Veränderungen im Unternehmenskontext sind nur ein Teil der Glücksgleichung. Ebenso wichtig ist es, die eigene Interpretation zu ändern; So sehen Menschen Ereignisse etwa ganz unterschiedlich, je nachdem, ob sie von Natur aus pessimistisch oder optimistisch sind. Als Psychologe interessiert mich dieser individuelle Blickwinkel der Menschen, in meiner Arbeit als Unternehmensberater began ich wiederum mehr und mehr die Perspektive des Arbeitgebers zu sehen. In dieser Perspektive ist es mir besonders wichtig, Mitarbeiter nicht mehr als “Human-Ressource” – als eine zu verwaltende Ressource – zu betrachten. Stattdessen müssen wir den ganzen Menschen als Person mit Emotionen und psychologischen Bedürfnissen sehen. Nur dann werden wir nachhaltig Programme umsetzen, mit denen Glück in der Arbeitswelt erreicht werden kann.

Der Beziehungsfaktor

Während Glück aus der Erfüllung einer Vielzahl menschlicher Bedürfnisse entstehen kann, wie z.B. dem Bedürfnis nach Kompetenz, Autonomie, Fairness oder Bedeutsamkeit, ist das Bedürfnis nach menschlicher Verbindung sicherlich das einflussreichste. Wir sehnen uns naturgemäß nach positiven  Interaktionen mit anderen – sei es zu Hause oder am Arbeitsplatz. Hier gibt es einen Dominoeffekt; Wenn jemand bei der Arbeit glücklich ist, wird das auf dessen soziale Kreise übergreifen; auf die Kunden, Mitarbeiter, Familie und Freunde. Wenn wir in einen Raum kommen und lächeln, werden andere zurück lächeln. Glück ist ansteckend – Unglück allerdings auch. 

Wir profitieren übrigens auch auf andere Weise von Glück. Positive Emotionen machen Menschen kreativer und innovativer. Die Forschung zeigt, dass wir, wenn unser Gehirn eine Bedrohung wahrnimmt, unsere ganze Aufmerksamkeit auf die eine Sache richten, die uns bedroht. Wenn diese Bedrohung verschwindet, entspannt sich unser Gehirn und wird kreativer. Glück wirkt sich also positiv auf die Leistungsfähigkeit von Menschen aus. Es erhöht im Übrigen die Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen. Kurz gesagt, glückliche Mitarbeiter sind auch gut fürs Geschäft.

Ein Beispiel ist mein letzter Arbeitgeber – die Boston Consulting Group (BCG). Obwohl die Beratungsbranche recht anspruchsvoll sein kann, rangiert BCG in Ranglisten der “Best Places to Work” häufig ganz oben. Aus meiner Sicht liegt das nicht an den materiellen Vorzügen der Beratertätigkeit, sondern am ausgeprägten Fokus auf Beziehungen innerhalb der Unternehmenskultur. Denn materielle Vorzüge unterliegen einem Effekt, den Psychologen “hedonische Anpassung” nennen: Wir gewöhnen uns ziemlich schnell an diese Dinge. Wenn man jemandem jeden Tag kostenlose Smoothies bei der Arbeit gibt, wird er eine Woche lang glücklich sein, aber schon bald sinkt der wahrgenommene Nutzen gegen Null. Positive Beziehungen und die Wertschätzung guter Arbeit sind viel nachhaltigere Glücksrezepte und bewahren die Menschen vor dem Ausbrennen – besonders in anstrengenden Arbeitsumfeldern, wie der Beratung. Natürlich liegt eine Glückskultur nicht nur in der Verantwortung des Arbeitgebers –  die wirklichen Triebkräfte für das Glück bei der Arbeit sind Initiativen an der Basis. In meinem Heimat-Office der BCG habe ich eine Wand aufgestellt, an der Mitarbeiter ihre Vorstellungen von Glück bei der Arbeit posten konnten – bald darauf fand sich ein bereichsübergreifendes Team zusammen, das an der Umsetzung der verschiedenen Initiativen arbeitete.

Glück im digitalen Zeitalter

Wie wird sich der Schlüsseltrend der Digitalisierung auf unser Glück auswirken? Ich glaube, dass sie uns langfristig glücklicher machen wird. Maschinen werden unsere repetitiveren und langweiligeren Aufgaben übernehmen und dazu beitragen, dass wir effizienter und kommunikativer werden. Dennoch gibt es auch eine andere Seite der Digitalisierung: Durchgehende Erreichbarkeit. Studien zeigen, dass der Stresspegel einer Person grundsätzlich höher ist, wenn sich ihr Smartphone in ihrer Nähe befindet – auch ob im Büro oder zu Hause. Um dieser Art von Stress entgegenzuwirken, können Unternehmen Digital Detox Zeiten einführen oder Smartphone-freie Meetings abhalten.

Fazit

Ein Sprichwort sagt “Man bekommt das, was man misst”. Wenn wir uns entscheiden, Glück zu messen, und Glücksfaktoren operationalisieren, dann werden wir entsprechende Ergebnisse sehen. Unternehmen können das Wohlbefinden von Mitarbeitern beispielsweise regelmäßig über Apps oder Umfragen erheben.

Glückliche Mitarbeiter sind ein Wettbewerbsvorteil für Unternehmen. Insofern sollte die Debatte um das Thema Glück vom Weinabend Zuhause proaktiv mit an den Arbeitsplatz gebracht werden. Einstellungen zu ändern ist schwierig. So hält sich beispielsweise in der Welt der Beratung bei vielen die Annahme, 80 Stunden Arbeit pro Woche macht Mitarbeiter langfristig erfolgreicher. Um solche Annahmen zu ändern, müssen wir Konzepte wie Glück vereinfachen, aufschlüsseln, messen und operationalisieren. So könnten wir unseren eigenen Erfolg beispielsweise nicht mehr daran messen, wie viele E-Mails wir in dieser Woche verschickt haben, sondern zunächst einmal zählen, wie oft wir gelacht haben oder wie viele tiefe, inspirierende Gespräche wir am Arbeitsplatz führen durften.

Dieser Artikel von Tobias Grieb erschien im Dezember 2019 im Original in Englischer Sprache auf auf der LinkedIn Seite der Boston Consulting Group.

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